Warum ich als Türke mit “EVET” stimmen würde

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Als wahlberechtigter Türke würde ich jetzt mit „EVET“ und damit für das stimmen, was sie „Präsidialverfassung“ nennen. Und wer sich davor fürchtet, daß einem einzigen so große Entscheidungsmacht gegeben wird, dem sei entgegengehalten, daß es im Sinne dessen liegt, was eine Entscheidung ist, daß es immer immer nur einer ist, der sie trifft, sie treffen und deshalb auch nur verantwortlich sein kann, aber nicht zwei, drei oder Hunderttausende. – Bei jeder Abstimmung entscheidet (bestimmt) zwar ein jeder von vielen etwas, aber was er entscheidet, ist nur die Richtung, in der er stimmt. Die zur Abstimmung stehendes Sache selbst indes wird gar nicht wirklich “entschieden”, sondern nur einer Summe von Stimmen unterworfen, die man die “Mehrheit” nennt. Diese Mehrheit ist aber kein wirkliches Subjekt, es fühlt keinen Schmerz, keine Liebe, hat kein Verantwortungsgefühl, ist bloß eine Metapher. Es ist so, als würde man auf den Thron des Sultans einen Rechenschieber setzen. Glaubt ihr wirklich, der sei geeignet, die Geschicke eines Landes zu “bestimmen”? – vgl. genauer hier: «Dämonkratie – Niemand entscheidet»

Demokratie ist wesentlich ein Entscheidungsverhinderungsverfahren zur Vermeidung auch von Verantwortlichkeit. Niemand ist mehr für irgendwas verantwortlich: Allgemein gesagt, halte ich deshalb folgendes für wahr:

„Seit den Tagen der griechischen Philosophen gilt die Demokratie wenn nicht als die beste, so doch zumindest als die besten unter den schlechten Verfassungen. Ein genauer Blick in das Innere des demokratischen Verfahrens der Entscheidungsfindung durch Abstimmung vermag indes zu zeigen, daß Demokratie in Wahrheit keineswegs die beste der schlechten, sondern die in dezidiertem Sinne nurmehr am besten schlechte ist; eine Verfassung, die auf so verfeinert raffinierte Art schlecht ist, daß ein nach ihren Prinzipien organisierter Staat jede Art von Korruption und Ehrlosigkeit befördert, die wirklichen Probleme aber ungelöst läßt und den Charakter der Menschen verdirbt.“ (vgl. «Entscheidung. Der blinde Fleck im demokratischen System»)

Eine Monarchie, ein Sultanat, da einer mit der Entscheidung auch Verantwortung trägt, ist eine einfache, klare und ehrenwerte Sache. Der Sultan holt sich Rat bei seinen Ratgebern, die indes geben nur Rat, versuchen aber nicht, Einfluß auf die Entscheidung zu nehmen. Im Unterschied dazu haben die Hunderttausdenden von Lobbyisten im demokratischen System die Aufgabe, Einfluß auf die Entscheidung zu nehmen. Und wir sehen, wo wir damit heute gelandet sind. Nein, einer muß verantwortlich sein. Der könnte ein guter, weiser, frommer, ehrenwerter Mann sein, das wäre schön, doch nicht einmal notwendig, da unabhängig davon schon die Anwendung des Prinzip des Monarchischen, dessen also daß einer („monos“) entscheidet, enendlich viel Segen über das Land bringen würde. 🙂

Und wer fragt, „Wer kontrolliert denn den König?“, sollte wissen: Der König wird nicht kontrolliert, der König wird geliebt. Den König kontrollieren zu wollen, das ist so, als wollten Kinder ihren Vater kontrollieren. Natürlich braucht der Monarch spirituelle Hilfe. Die Sultane des Osmanischen Reiches beispielsweise hatten sie, sofern sie selbst Schüler eines Sheikhs waren.

Aber auch ein Despot, ein Tyrann wäre immer noch besser als jenes unselige sich jederzeit selbst blockierende System, das sich „Dämokratie“ nennt. Der Prophet ﷺ soll gesagt haben: „Nach mir kommrn die rechtgeleitetet Khalifen, dann die Könige, dann die Tyrannen und dann das Große Durcheinander.“ Verstehen wir, daß die Tyrannen in dieser Linie des allmählichen Abstiegs, bevor mit der Dämonkratie das Chaos kommt, noch das letzte Gute sind?

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Der weiseste Mann, der mir auf diesem Planeten begegnete, ist Sheikh Qubrusī Muḥammad Nazim al-Ḥaqqānī Efendi ق (siehe das Bild oben). Und nirgendwo habe ich deutlichere Kritik an der Demokratie gehört als von ihm. Das Photo oben stammt aus alten Zeiten. Erkennt ihr die Person, die neben ihm steht? – Ein Zeuge, Sheikh Jamaluddin E. Dirschl, berichtet aus jener Zeit: «Jaja ich saß den beiden gegenüber am Tisch, als er Scheich Efendi eingeladen hatte, um ihn um ein Dua zu bitten, daß er die Bürgermeisterwahl gewinnen möge. Scheich Efendi hatte gelacht und gesagt: “Keine Sorge, Istanbul gehört dir schon. Ich werde dich zum Präsidenten machen.”»

Weitere Literatur:

«Warum eigentlich dürfen die Muslime die Monarchie nicht für die bessere Verfassung halten?»

«Warum wir den König lieben»

Comments (4)

  1. tag heute

    Die Willensbildung sich ihrer Lage bewusster und politisch gebildeter Völker kommt von den Räten, von den Betriebsräten, von Arbeiter- und Soldatenräten. Das ist der Grund, weshalb jede menschliche Gesellschaft die historischen Entwicklungsphasen des landwirtschaftlich geprägten Feudalismus mit korrupter Fürsten- und diese als angeblich unumstößlich „gottgewollt“ rechtfertigender korrupter Klerusherrschaft und danach die des industriell geprägten Kapitalismus mit der Herrschaft eines korrupten Bürgertums und diese als angeblich unumstößlich „naturgesetzlich“ rechtfertigenden korrupten Wissenschaft durchläuft, um letztlich diese echte Demokratie erkämpft zu haben. Rückschrittliche Versuche der jeweils Herrschenden, diese Entwicklung aufzuhalten oder umzukehren, werden daher als auch als „reaktionär“ bezeichnet.

    Der Satz: „Es ist so, als würde man auf den Thron des Sultans einen Rechenschieber setzen. Glaubt ihr wirklich, der sei geeignet, die Geschicke eines Landes zu „bestimmen“? – vgl. genauer hier: «Dämonkratie – Niemand entscheidet»“, beschreibt somit ansatzweise zutreffend, an welchem Punkt seiner Geschichte das türkische Volk sich derzeit befindet: eine industriell-bürgerlich geprägte Hälfte in den städtischen Zentren bereits im Kapitalismus mit Tendenzen, darüber hinauszuwachsen, die andere Hälfte von der Landwirtschaft geprägt, während reaktionäre Kräfte die Uhr in Richtung Feudalismus zurückzudrehen versuchen und dazu Konflikte im eigenen Volk und den Nachbarvölkern schüren, um gleichzeitig sich selbst als einzige Garanten der Sicherheit aufzuspielen.

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    1. Salim Spohr (Post author)

      Nee, mein lieber Tag Heute, da siehst du die Sache doch sehr einseitig und verquer durch die Brille einer marxistischen Geschichtsauffassung. Witzig! Habe nicht gewußt, daß es auch heute noch Leute gibt, die diesen Jargon pflegen. Willkommen! 🙂

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  2. Martin

    Demokratie ist aber noch mehr wie ein Prozess der Entscheidungsfindung. Gewaltenteilung ist ein anderes Prinzip, kein normal sterblicher kann sich anmaßen zu wissen was richtig und falsch ist und kann bei so viel Macht frei von Sünde bleiben. Die entscheidende türkische Hilfe an den IS haben Erdogan mit zum Massenmörder in Syrien gemacht. Stoppen und in die Schranken weisen lässt sich ein solches Unrecht nicht bei einen Alleinherrscher. Bei Masnad Ahmad bin Hanbal heißt es; „Begeht kein Unrecht, denn das Unrecht wird am Tag des Jüngsten Gerichts als Finsternis auftauchen. Hütet euch vor Habgier, Geiz und Boshaftigkeit, denn Habgier, Geiz und Boshaftigkeit haben zur Vernichtung früherer Völker geführt. Es hat sie zum Blutvergießen und zur Schändung heiliger Gegenstände verleitet.“ Wie ist diese Aussage mit dem oben angeführten Ausspruch zu verstehen – Diktator vs. Islam. Wenn wir mit “Chaos” weniger Unrecht erhalten, wähle ich “Chaos”. Man hat dann nämlich auch die Möglichkeit Veränderungen zu erreichen, die Geschichte zeigt, dass es bei Einzelherrschern nicht so gelingt.

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    1. Salim Spohr (Post author)

      Ich glaube, mein lieber Martin, daß du den Knackpunkt nicht verstanden oder beachtet hast. Der besteht nämlich darin, daß in der Demokratie nicht eine bessere oder schlechtere Entscheidung stattfände, sondern gar keine. Insofern ist sie eigentlich außerhalb der Diskussion. Natürlich können von einem Monarchen auch jede Menge falscher Entscheidungen getroffen werden, er bleibt doch außer Konkurrenz, weil in dem Gegenentwurf des Demokratischen nicht einmal schlecht entschieden werden kann.

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