“Der Mann, den sie für Jesus hielten und ans Kreuz schlugen” – F.A.Z. rezensiert das neue Barnabas-Evangelium

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786 – Unter dem Titel “Der Mann, den sie für Jesus hielten und ans Kreuz schlugen” ist in der F.A.Z. vom Donnerstag, dem 26. März 2015, eine erfrischende Besprechung der neuen Ausgabe des Barnabas-Evangeliums erschienen, die uns gut gefällt. Der Untertitel der von WOLFGANG GÜNTER LERCH verfaßten Rezension lautet: “Muslimen ist es teuer, Christen gilt es als Fälschung: Das Barnabas-Evangelium gibt immer noch Rätsel auf, aber reizvoll ist die Lektüre jedenfalls”.

Es ist wahr, daß das Barnabas-Evangeliums schon immer einen besonderen Reiz ausgeübt hatte, der sich, wie der Rezensent erklärt, auch dem Umstand verdanke, daß apokryphen Evangelien wie überhaupt religiöse Zeugnisse der Antike, die Schriftrollen von Qumran beispielsweise, “eine große Popularität” genössen und Wissenschaftler und Laien von Zusammenhängen “fasziniert” seien, die anhand von Urkunden außerhalb der vier kanonischen Evangelien “erhellt” würden. Doch neben einer solchen wohl der Sensationslust nahestehenden Einstellung sollte der Rezensent einräumen, daß die Attraktivität dieses Werkes sich möglicherweise noch ganz anderen Umständen, einer Art inneren Würde beispielsweise und dem hohen Rang dessen verdankt, was sich in neuerer Forschung immer deutlicher als das wahre Evangelium Jesu herauszuschälen beginnt.

Freilich verweist Herr Lerch mit vollem Recht darauf, daß die Qumran-Texte und ihr Umfeld wie auch die apokryphen gnostischen Evangelien “immer wieder Anlass für sensationsheischende Verschwörungstheorien” und “ein Tummelplatz” für solche gewesen seien, die als vorgebliche “Religionskritiker” überall „Verschwörungen“ und „Verschlusssachen“ wittern würden. Warnend verweist der Rezensent auf den Romancier Dan Brown und seinen Weltbestseller „Das Sakrileg“ und auf Bibel-Fachleute, die Browns Thesen “als haltlos erwiesen” hätten.

Wenn der Rezensent in den Blick nimmt, daß “die Authentizität dieses apokryphen Evangeliums in der Wissenschaft … bis heute umstritten” sei und auch die der jetzigen Ausgabe vom Verlag beigegebene Einführung, in der Autoritäten wie Henri Corbin, Hans-Joachim Schoeps und andere angeführt würden, “keine endgültige Klarheit” schaffe, da die dort vorgelegte „Spurensuche“ sich insgesamt doch auf Überlieferungen berufe, die nach Auffassung etlicher Forscher zwar eine „reale Möglichkeit, doch keinen zwingenden Beleg für ein authentisches Barnabas-Evangelium” gäben, so werden die Herausgeber dieses Werkes es zum gegenwärtigen Zeitpunkt als vollkommen ausreichend betrachten, so sich die Einsicht in die “reale Möglichkeit” eines authentischen Barnabas-Evangeliums in der Forschung allgemein durchzusetzen beginnt.

Das stimmt schon hoffnungsvoll. Und wir dürfen auf die weitere Entwicklung und auch darauf gespannt sein, welchen Einfluß die im besprochenen Werk erstmals vorgelegten textanalytischen und historischen Erkenntnisse auf die Entwicklung der Forschung nehmen werden, wenn sie gerade auch im englischsprachigen Raum vorgetragen werden, der der ganzen Frage gegenüber eine viel größere Beweglichkeit – man vergleiche nur die Wikepedia-Einträge beider Sprachräume zum Barnabas-Evangelium, die unterschiedlicher nicht sein könnten – als der deutschsprachige zeigt. Hier freuen wir uns auf eine von der in Vorbereitung befindlichen englischen Ausgabe des Werkes sicher neu befruchtete internationale Debatte.

Und wenn Herr Lerch von der These, die vier kanonischen Evangelien müßten sich “am Barnabas-Evangelium messen”, sagt, sie sei und bleibe “kühn”, so sagen wir: Einverstanden, sei sie kühn, was nicht heißt, sie sei purer Blödsinn oder widerlegt, da sie im Gegenteil ja wohlbegründet ist, wie in der neuen Einleitung anhand des Gleichnisses von der Sünderin ja in schöner Klarheit demonstriert worden war. Denn hatte der in jenem Gleichnis vorkommende Satz: „Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde“ uns in kanonischer Überlieferung (vgl. Joh. 8.1 ff.) bis heute ein Rät­sel hinterlassen – was sollte es bedeuten, daß Jesus da etwas auf den Boden schreibt? –, so löst es sich im Barnabas-Evangelium (Kap. 201) auf, wo es heißt, Jesus habe mit dem Finger einen Spiegel auf dem Boden gemacht, in dem „ein jeder seine eigenen Verfehlungen erkannte“. Der dann folgende berühmte Satz „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, und das ganze Gleichnis wie auch Jesu Finger auf dem Boden erhalten nun erst ihren vollen Sinn. Es zeigt sich hier beispielhaft, wie das Barnabas-Evangelium nicht nur die kanonischen Texte der Gegenwart, sondern älteste Quellentexte an Genauigkeit und Plausibilität übertrifft, was, ohne daß es der oben genannten Kühnheit bedürfte, für die Ursprünglichkeit des Werkes, seine Abstammung aus dem Hebräer-Evangelium und dafür spricht, daß wir es mit einem wahrhaftigen Zeugnis des Lebens Jesu, einem heiligen Text zu tun haben.

“Am entschiedensten” werde die Authentizität dieses Evangeliums “von muslimischen Gelehrten oder Apologeten des Islams verteidigt”, und das, wie der Rezensent findet, “mit gutem Grund.” Denn es enthalte neben jüdischen/judenchristlichen und christlichen auch „muslimische“ Elemente. Mohammed, der Prophet des Islams, wäre ja unter anderem mit der Rechtfertigung aufgetreten, Juden und Christen hätten ihre Schriften verfälscht, so daß “der wahre Monotheismus durch die koranische Offenbarung … wiederhergestellt” werde.

Und der Rezensent erkennt klar, daß in Fragen der Christologie Christen und Muslime am meisten durch die christliche Lehre von der Trinität und Jesu Gottessohnschaft voneinander getrennt sind. In diesem Barnabas-Evangelium indes bekenne Jesus seine „Menschennatur“ nach Art der frühchristlichen Gruppe der Arianer (und nach dem Koran, Sure 112, Verse 3/4 „zeugt Gott nicht und wurde nicht gezeugt, und keiner ist Ihm gleich“). Auch Jesu Kreuzigung und Auferstehung, die nach einem “bekannten Wort des heiligen Paulus den Kern des christlichen Glaubens” ausmachten, würden “anders gedeutet”. Stehe es doch im Barnabas-Evangelium zu lesen, daß man Jesus gar nicht gekreuzigt habe, sondern den Judas Ischariot, „den man für Jesus gehalten habe“, so sei das “Sprengstoff”, denn der Koran leugne in Sure 4, 157–158 ebenfalls Jesu Kreuzigung, wo es heiße: „Sie töteten ihn nicht, sondern es erschien ihnen nur so.“ So verstehe man, wenn Muslime dazu neigen, gerade in diesem Barnabas-Evangelium das „wahre Evangelium“ (indschil) zu sehen.

Ergänzend sollte gesagt sein, daß nicht nur Muslime und Christen, sondern auch Juden davon nicht unberührt bleiben werden, daß Gott, als die Häscher kamen, seinen Diener Jesus gemäß dem Zeugnis des Apostels Barnabas in den 3. Himmel erhoben, Judas Ischariot aber die Gestalt und die Stimme Jesu gegeben hatte, so daß neben den Soldaten sogar die Jünger selbst geglaubt hatten, Judas sei Jesus gewesen. Das Barnabas-Evangelium würde den Juden nämlich erlauben, Jesus endlich als Propheten zu akzeptieren, was unter der Bedingung seiner Kreuzigung nicht möglich gewesen war, da der Herr es gemäß ihrer Überlieferung – “Wer am Pfahle stirbt, ist ein von Gott Verfluchter.” (Dtn. 21,23) – niemals hätte gestatten können, daß einer seiner Propheten diesen Tod erleidet.

Abschließend bemerkt der Rezensent, Publikationen wie das Barnabas-Evangelium könnten “als Bereicherung religiösen Suchens angesehen werden”, leider seien sie “allzu häufig Ausgangspunkt von Rechthaberei und Polemik”. Von diesen aber, so das finale Lob des Rezensenten, sei das vorgelegte Buch “Gott sei Dank frei”.

Insgesamt eine schöne und hilfreiche Rezension!

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Neu aufgelegt wurde vom Spohr-Verlag jetzt zum dritten Mal das erstmals im Jahre 1994 auf Deutsch erschienene Barnabas-Evangelium. Das Grab des Apostels kann man in der Nähe der antiken Stadt Salamis im Norden Zyperns, nur wenige Schritte vom Barnabas-Kloster entfernt, besuchen. (Safiyya M. Linges (Hrsg.): „Das Barnabas Evangelium“. Spohr Publishers, Lympia Lefkosia 2014. 319 S., geb., 24,90 €.)

 

 

Comments (6)

  1. Erich Richter

    Wenn dies alles so stimmt, dann sollten die wichtigsten Religionen dieser Welt endlich aufhören sich zu bekämpfen und für soviel Unheil in kriegerischen Auseinandersetzungen
    sorgen. Ich wäre für Frieden für alle, mit wahrscheinlich unübersehbaren Folgen im positiven Sinne für die Menschheit. Warum sollte Jesus am Kreuze sterben um dann wieder aufzuerstehen?
    Für mich sowieso ein Farce, was mich nicht am Glauben an Gott hindert !

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    1. Vonbun Gerda

      Richtig ! Uebrigens alles nur eine Farce. Gott liebt nicht, Gott straft nicht, atmet nicht, isst nicht, zeugt keine Kinder, Gott IST. Basta. Dann diese unverschämte Lüge, Jesus sei für uns am Kreuze gestorben um unsere Sünden zu sühnen. Absicht dieser Lüge : dass wir uns von der Wiege bis ins Grab SCHULDIG fühlen und brav gehorsam sind. Keiner kann für die Untaten eines anderen büssen, ausser natürlich ein Unschuldiger wird zu Unrecht verurteilt. Was ja sehr oft vorkommen soll. Dann das Ding mit der Eucharistie (heidnische Opferbringung) Sind wir denn Kannibalen ? Und der im AT beschriebene Gott
      (Aufruf zu Mord, Totschlag, Raub, Plünderung, etc.) Der hat mir allzu menschliche (böse) Eigenschaften um verehrt zu werden. Da ziehe ich die, von allen menschlichen Untugenden strotzenden Götter der griechische Mythologie von der man ja weiss es handelt sich um Veranschaulichung menschlicher Natur.

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      1. Juergen Meixner

        Süss, die Religionen streiten sich darum ob ein Mensch am Kreuz gestorben ist … es sind Tausende am Kreuz gestorben, oder durch das Schwert, das waren ziemlich kranke Zeiten, waren das, braucht keiner noch einmal.

        Aber die Wahrheit befreit.

        https://patients4medicalmarijuana.wordpress.com/2015/04/09/kaneh-bosm-the-hidden-story-of-cannabis-in-the-old-testament/

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      2. Nichtsnus

        “Gott IST. Basta.”

        Gott ist das Wort … Lese dazu hier weiter: https://nichtsnus.wordpress.com/2015/11/17/im-anfang-war-das-wort-i-man/

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  2. Ein Mensch

    Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Beitrag.

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    1. Salim Spohr (Post author)

      786 – Dankeschön für Ihren Dank!

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