«Pogromstimmung» oder der Sprachterror des Zentralrates

09.11.2008 von Salim Spohr




















DIE EMPÖRUNG DES ZENTRALRATES

Wie die Tagesschau berichtet (vgl. auch hier und hier), sei der niedersächsische Ministerpräsident Wulff wegen einer Äußerung in einer Fernsehtalkshow in die Kritik geraten, weil er in der Diskussion über Managergehälter wörtlich erklärt hatte: «Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt als Person und Zehntausende Jobs sichert, dann muß sich gegen den hier nicht eine Pogromstimmung entwickeln.»

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte auf die Verwendung dieses Wortes in bekannt reflexhafter Weise empört reagiert und dessen Generalsekretär Wulff sogar den Rücktritt nahegelegt, dann dessen Entschuldigung zwar angenommen, aber betont, die Häufung solcher Äußerungen sei erschreckend.

DIE EMPÖRUNG MACHT KEINEN SINN, IST SOGAR SINNWIDRIG

Was ich als erschreckend empfinde, ist, daß der Mainstream der öffentlichen Meinung sich von ein paar Lobbyisten Israels – nichts anderes ist der Zentralrat – wie ein Hündchen hin- und herführen läßt und niemand fragt, ob diese professionell veranstaltete und zudem immer häufiger auftretende Bekundung von Empörung selbst, einmal näher betrachtet, überhaupt eine Berechtigung hat oder sprachlogisch auch nur Sinn machen könnte.

Sieht man einmal genauer hin, stellt sich heraus, daß eine solche Empörung bezogen auf den Vorfall eigentlich überhaupt keinen Sinn macht. Wenn das russische Wort «pogrom» soviel wie Verwüstung, Unwetter, Jagd, Kesseltreiben und Hetze oder Ausschreitungen beispielweise gegen nationale, religiöse oder rassische Minderheiten bedeutet, dann ist jene Empörung darüber, daß ein deutscher Ministerpräsident dieses Wort für eine von ihm abgelehnte Stimmungsmache gegen Manager und ihre hohen Gehälter verwendet, von der Sache dieses Sprachgebrauchs her betrachtet, einfach unsinnig.

DIE EMPÖRUNG IST UNSINNIG

Wir alle wissen, daß das Wort «Pogrom» bzw. «Pogromstimmung» zur Bezeichnung von Ausschreitungen gegen Juden im Dritten Reich verwendet wurde. Das kann aber nicht bedeuten, daß es deshalb verboten sein könnte, das Wort auch in anderen Zusammenhängen als jenen um die sogenannte Reichskristallnacht zu verwenden.

Ensprechend ist überhaupt gar nichts dagegen zu sagen, wenn beispielsweise der Historiker Kay Peter Jankrift unter dem Titel Zwischen Pest und Pogrom den oft so brutalen Alltag im Mittelalter enthüllt, der Standard von «Lynch- und Pogromstimmung» bei der Gay-Parade in Budapest berichtet oder die GfbV-Zeitschrift pogrom – regelmäßig über bedrohte Völker und aktuell über verfolgte ethnische und religiöse Minderheiten, Nationalitäten und Ureinwohnervölker in aller Welt berichtet.

DIE EMPÖRUNG DES ZENTRALRATES WIDERSPRICHT DEM LOGISCHEN EIGENSINN DESSEN, WAS EIN BEGRIFF IST

Daß der Zentralrat der Juden in Deutschland für bestimmte Begriffe – man denke einmal an den Zirkus um das Wort Holokaust – eine Deutungshoheit beansprucht und glaubt, über ihren Gebrauch entscheiden zu können, ist nichts anderes als eine riesengroße Anmaßung, eine wirkliche Unverfrorenheit. Es ist aber auch noch etwas anderes: Es ist ein Zeichen dessen, daß die Urteilskraft jener Funktionäre auf das Peinlichste geschwächt sein und unter einem Mangel leiden muß, den Immanuel Kant schlicht Dummheit nannte. Denn nachgerade dumm ist es, die Verwendung eines Begriffs auf einen empirischen bzw. historischen Fall einschränken zu wollen, weil es dem inneren Sinn dessen widerstreitet, was überhaupt ein Begriff und was seine Funktion ist. Die besteht nämlich wesentlich darin, «conceptus communis», eine Vorstellung von Allgemeinem zu sein, unter die je Verschiedenes fallen kann und fallen können muß.

Witzigerweise war die logische Eigenschaft von Begriffen, als allgemeine Vorstellungen anderes unter sich befassen zu können, ja der sprachlogische Grund dafür gewesen, daß man bestimmte Vorgänge im Dritten Reich überhaupt unter solche Begriffe wie «Pogrom» oder «Holokaust» hatte fassen können. Nur weil Begriffe eis epsis Allgemeinvorstellungen, «concepti communis», sind, hatte man sie, wie zum Beispiel den Begriff des «Holokaust», zur Bestimmung eines solchen Vorganges überhaupt verwenden können.

DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE

Macht man sich einmal klar, daß die Empörung des Zentralrates und dessen Absicht, den Gebrauch von Wörtern auf Ereignisse einzuschränken, die die Juden betreffen, sogar dem logischen Eigensinn des Gebrauchs von Wörtern selbst widerspricht, dann stellt sich die Frage, wie es jenen Funktionären des Zentralrates überhaupt gelingen kann, solche Proteste in penetranter Regelmäßigkeit auch nur öffentlich zu machen, die sich näher besehen als nichts anderes als eine Art von Sprachterror erweisen.

Wie muß eine Gesellschaft beschaffen sein, daß für ihren Sprachgebrauch in begriffswidriger Weise gerügte Politiker sich sogleich wortreich entschuldigen? – Warum nur entschuldigt sich der Ministerpräsident Niedersachsens für etwas, das überhaupt kein Fehler war? – Das sind die Fragen, mit denen wir uns näher beschäftigen sollten.

BERECHTIGTER UNMUT

Es folgen Beispiele von Kommentaren jener Ereignissen, die zeigen, daß auch wenn jene oben rekonstruierte logische Sinnlosigkeit der Sprachregelungsversuche des Zentralrates nicht unbedingt voll durchschaut sein muß, die Leser des Blogs der Welt beispielsweise rein intuitiv deren Anmaßung doch deutlich erkannten und berechtigten Unmut äußerten, der wohl immer schärfere Form anzunehmen drohte, was der Redaktion dann ein Grund gewesen war, die Kommentarfunktion ganz zu schließen.

OD sagt: Ich bin und war immer ein grosser Anhaenger Israels. Ich empfand und empfinde immer noch Scham darueber Deutscher zu sein. Daran wird sich nichts aendern. Was sich allerdings geaendert hat, ist das mir der Zentralrat inzwischen heftigst auf die Neven geht. Dadurch das man sich zur Gesinnungspolizei hochstilisiert kriegt man keine neuen Freunde und verliert die alten. Paul10 sagt: es gibt doch tatsächlich noch immer personen des öffentlichen lebens die es nicht kapiert haben: “pogrom, jude, verfolgung, holocaust” sind worte die in jeglicher kombination und in jedem kontext tabu sind in deutschland! einfach aus dem wortschatz streichen! Überzogene Empörung sagt: Bestimmt der Zentralrat der Juden jetzt, welche Worte in Deutschland genutzt werden können. Diese Aufregung ist allmählich lächerlich. Don Miguel sagt: Ich bin für ein Gesetz, das hohe Strafen auf das Verwenden von gewissen Wörtern erteilt. Der Zentralrat kann ja eine Liste der unter Strafe zu stellenden Wörter erstellen. Jetzt mal im Ernst, wo leben wir denn eigentlich, uns von wem auch immer das Wort verbieten zu lassen. Was erlauben Zentralrat. Thomas sagt: So sehr es ok ist, dass jede ethnische Gruppe hier unbekümmert leben darf/kann, so völlig daneben ist das ewige Reflex-Fauchen von diesem ZETT DE JOTT. Keine Legitimation, kein Mandat. Wer sind die, dass die unsere Meinungsfreiheit verbieten wollen. Nix da! G. Ostermann sagt: Offensichtlich sucht der Zentralrat nach Zitaten, die man als “Entgleisungen” bezeichnen könnte, um sich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu bringen. Knobloch, Kramer & Co machen sich doch lächerlich: Weder Sinns noch Wulffs Äußerungen waren einer Entschuldigung wert, sondern bestenfalls ungeschickt, da man mit nervenden Vorwürfen der Amtsjuden rechnen musste. Sinnlosigkeit sagt: Eigentlich kann man Wulffs Aussagen deutlich entnehmen, dass er nicht für, sondern gegen Pogrome ist. Schon mal aufgefallen?

ZUSAMMENFASSUNG

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat auf die Verwendung des Wortes «Pogromstimmung» durch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff empört reagiert und ihm sogar den Rücktritt nahegelegt. Es konnte gezeigt werden, daß dieser Versuch, über den Gebrauch von Wörtern im Deutschen zu bestimmen, nicht nur grob anmaßend anmuten muß, sondern gar dem inneren Sinn dessen widerstreitet, was überhaupt ein Begriff und seine Funktion ist. Der Versuch des Zentralrates, vermeintliche Interessen Israels durch eine Regelung des deutschen Sprachgebrauchs durchzusetzen, wird zwar von der Politik und dem Mainstream-Journalismus klaglos hingenommen, stößt bei der Bevölkerung indes auf einen deutlich artikulierten Unmut.



Kommentare

  1. Ernst HerbstNovember 10, 2008 @ 09:28 AM

    Was interessiert mich der angemaßte Zentralrat? Sollte er sich doch lieber einen Kopf um die richtige Aussprache des Wortes Pogrom machen. Nachdem ich im Auto eine halbe Stunde lang mdr Figaro gehört hatte, schrieb ich am 08.11.08 dem Sender:
    Könnten Sie nicht aus gegebenem Anlass ALLE, die in diesen Tagen vor Ihrem Mikrofon den Mund aufmachen, darauf hinweisen, dass es POgrom heißt, aus dem Russischen stammt (“Lärm”, “Geschrei”, "Verwüstung") und deshalb auch, wie EINER Ihrer Mitarbeiter das richtig artikuliert, PAgrom (mit kurzem offenem A) gesprochen wird.
    Der Pogrom am 09.11.1938 verlief zwar nach PROgramm, hatte aber nichts mit PROgress zu tun, sondern war ein Rückfall in den finsteren Teil des Mittelalters.

  2. NATNovember 10, 2008 @ 12:17 PM

    Vielleicht sollte der Zentralrat mal eine Liste der Wörter erstellen, die man benutzen darf ohne in die antisemitische Ecke getrieben zu werden.

  3. SiegfriedNovember 10, 2008 @ 01:45 PM

    @NAT
    Nein, der Zentralrat sollte sich einfach mal auf seine realistische Größe reduzieren und die Fresse halten.

  4. Lutz HuthNovember 10, 2008 @ 08:04 PM

    Die Scham des Christian Wolf

    Nicht nur Christian Wolf, sondern auch ein Großteil der deutschen Bevölkerung empfindet Scham über seine Handlungsweise. Nicht über die Wortwahl „Pogromstimmung“, denn wem, außer unseren mosaischen Freunden, war schon bekannt, das es hierfür ein „jüdisches Copy Read“ gibt, sondern über seine für deutsche Politiker symptomatische und ehrlose Speichelleckerei bei der in Frankfurt ansässigen zionistischen Verwaltung für deren „Generalgouvernement Deitschland“

    Das gerade ihn der Bannstrahl mit dem Davidstern trifft, muß doch besonders bitter sein, war doch er einer der Eifrigsten wenn es darum ging, im hündischen Devotismus seine Zunge bis zu den Mandeln in den Allerwertesten von Paul Spiegel, Charlotte Kobloch oder Michael Fürst zu versenken.

    Mit seiner Wortwahl kann Wolf wohl seine Ambitionen das Erbe von Angela Merkel anzutreten und Chef des „Berliner Mosaischen Marionettentheaters“ (Bundesregierung) zu werden, ad acta legen. Um diese Scharte wieder auszubügeln reicht selbst die Länge seiner Zunge nicht mehr aus.

    Lutz Huth

  5. Liga gegen RassismusNovember 12, 2008 @ 12:33 AM

    Erst Ende Oktober hatte der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Professor Dr. Hans-Werner Sinn, mit einem inakzeptablen Vergleich für Empörung gesorgt. Er hatte eine Parallele zwischen der Managerkritik in der aktuellen Bankenkrise und der Judenverfolgung gezogen. Solche Vergleiche sind nicht hinnehmbar. Man kann das Novemberpogrom, mit dem die Judenverfolgung begann und das schließlich zur Ermordung von 6 Millionen Juden führte, nicht mit der zum großen Teil wohl berechtigten Kritik an raffgierigen Managern vergleichen.
    http://www.Liga.homepage.t-online.de

  6. SalimNovember 12, 2008 @ 05:10 AM

    Professor Dr. Hans-Werner Sinn hatte in einem Interview wörtlich gesagt: «In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln. Schauen Sie sich den Straßenverkehr in Indien an. Die Leute fahren links, rechts, auf dem Bürgersteig, das ist abenteuerlich. Der Verkehr kommt deswegen immer wieder ins Stocken. Sind daran die „Manager“ an den Steuerrädern schuld oder fehlende Verkehrsregeln?» – Warum nur sollte es – liebe Liga gegen Rassismus – «nicht hinnehmbar» sein, im Rahmen einer Aufzählung von Beispielen zur Psychologie des Sündenbocks neben den Managern die Juden aufzuführen? – Was ist das für ein eigenartiger Ausfall von Unrteilskraft, das tertium comparationis des Vergleichs nicht zu sehen! Niemand sagt, was den Managern geschieht oder zu geschehen droht, wäre genau so schlimm wie die Judenverfolgung an sich gewesen. Niemand sagt das! Und irgendein Funktionär dieser Liga, der diesen Brief hier geschrieben hat, hat auch nicht genug Verstand, das tertium comparationis jenes Vergleichs zu erkennen. Ich empfinde es als ausgesprochen peinlich, wie sehr, wenn es um jüdische Belange geht, sich jeder Verstand, alle Urteilskraft und Logik zu verabschieden scheinen. Wirklich ausgesprochen peinlich!

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