Warum Islam nie modern sein kann

samarkand

Warum Islam nie modern sein kann

Der schwungvoll geschriebene und leicht zu lesende auf Duckhome veröffentlichte Artikel von FARISH AHMAD NOOR: «KANN ES EINE DISKUSSION ÜBER DEN ISLAM GEBEN, DIE NICHT DUMM IST?» bringt seine Krtitik an der Blödgesichtigkeit jener peinlicherweise auch von Vertretern gebildeter Klassen stereotyp vorgebrachter Beschimpfungen des Islam zielsicher auf den Punkt. Hier teilen wir alle die Begeisterung Bigbertas – as-salamu alaikum, Dr. Maryam! – für diesen Artikel, jedenfalls auf den ersten Blick.

Auf den zweiten indes zeigt Farish Ahmad Noor in ihm eine eklatante Schwäche dort, wo er, fast möchte man sagen, par malheur, sein eigenes Islam-Verständnis offenbart. Denn zwar ist es wahr, daß es falsch ist, zu behaupten, der Islam sei eine «faschistische, Frauenhassende, Christentötende, Homosexuelle beschimpfende, männliche-macho Hass-Ideologie, die seit 14 Jahrhunderten auf Eroberungen, Blutvergießen, Mord und Vergewaltigung basiert.», aber nicht deshalb weil «Muslime in der Welt heute Geiseln ihrer Geschichte» wären und «das Emporkommen des konservativen, fundamentalistischen, sektiererischen und gewaltsamen Islams» während des Kalten Krieges von westlichen Staaten unterstützt» worden war, sondern weil eine solche historisierende Sichtweise ea ipsa den Islam als solchen gar nicht trifft und treffen kann.

Sieht man einmal genauer zu, so wird deutlich, daß Bruder Farish die Kritik am Islam als einem beispielsweise konservativen Unternehmen nicht dadurch widerlegt, daß er das Schema der historischen Sichweise an sich als unangemessen zurückweist, sondern dadurch, daß er die Entstehung eines konservativen Islam als den Zeitumständen geschuldet und durch westliche Einflüsse mitverursacht, wenn nicht zu entschuldigen, so doch zu erklären versucht.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die abendländische Sichtweise des Historischen, beispielsweise im Schema der Abfolge von Antike, Mittelalter, Neuzeit, Moderne und Post-Moderne, erweist sich dem Islam gegenüber als unangemessen. Denn der Islam kennt nur den prinzipiellen Unterschied zwischen der Zeit der Ignoranz (jahiliyya) und der Zeit des Islam. Heute scheinen wir in der Zeit einer zweiten Auflage der Ignoranz zu leben, da die ganze Welt – das gilt auch für die muslimischen Staaten – egomanisch dem Mammon nachjagt und vor allem an der Welt und ihren Verlockungen interessiert ist, aber nicht am Jenseits und der Ewigkeit.

Der Islam selbst aber ist seinem inneren Selbstverständnis nach nicht von Menschen gemacht, sondern vom Herrn der Welten der Menschheit als kostbarstes durch die Propheten und zuletzt durch Sayyidina Muhammad – Allah schicke Segen auf ihn und seine Leute und Frieden – vermitteltes Vermächtnis übereignet worden. Islam ist als himmlisch verursachtes Heilsmittel so verstanden den empirischen Bedingungen nicht unterworfen, wenn auch die Offenbarungen immer wieder, barmherzigerweise, auch Antworten zu aktuellen Fragen der Gemeinde Muhammads gewesen waren, auf dem und dessen Leuten Segen und Frieden seien.

Islam ist als göttliches Geschenk absolut perfekt, von, möchte man sagen, überirdischer Perfektion. Wer da kommt, den Islam zu verbessern, kann nur einer sein, der den Nutzen, ja die umwerfende Schönheit dieses Geschenks nicht zu schätzen gelernt hat.

So verführerisch, liebe Dr. Mariyam, es für alle sich als `modern´ oder `progressiv´ oder `links´ oder `grün´ oder `rot´ oder `rosa´ verstehenden Anti-Mainstreamler ist, sich den Islam als modern oder progressiv vorzustellen oder zu wünschen, so wichtig ist es, sich klarzumachen, daß das nicht gutgehen kann. Aber nicht weil der Islam unmodern oder unprogressiv usw. wäre, sondern weil er als höchst ehrenwertes Geschenk des Herrn der Universen diesem Schema nicht unterworfen ist. Dies bedeutet, daß auch die Scharia als ein wesentliches Stück dieses Geschenkes nicht zur Diskussion stehen kann.

Und um ein mehrfach von Farish Ahmad Noor bemühtes Beispiel aufzugreifen: Homosexualität ist etwas, das im Islam wie schon zur Zeit des Propheten Moses – der Friede sei auf ihm – als absolut schwerwiegender Verstoß gegen Göttliches Recht gilt. Und auch wenn manchem Progressiven die Kinnlade heruntergehen mag, so gilt, daß es nach Islamischem Recht überraschenderweise tatsächlich Dinge gibt, die verboten sind. Ja, es sieht fast so aus, als sei in einer Zeit des `anything goes´ und der Vergraduierung alles Strikten in ein ‘mehr oder weniger’ der Islam die einzige Instanz von Klarheit, die einzige Instanz von Wüde und Ehre, da alle anderen Instanzen von Recht und Gerechtigkeit und der Moral sich aufgelöst haben oder dabei sind, sich aufzulösen.

Und wer sich sogleich gegen etwas aufgebracht fühlt, das er noch nie verstanden hatte, wer sogleich gegen Scharia und die abgehackte Hand des Diebes wettern möchte, wird sich sagen lassen müssen, daß der Islam eben noch eine dem Zeitgeist nachhaltig widersprechende Einrichtung isofern ist, als er das Diesseits nur für eine Übergangszeit der Prüfungen und des Trainings für das ansieht, was ihm als Ewigkeit folgen möchte. Mein Soulbrother Sheikh Fariduddin aus dem Schwarzwald – möge Allah seine Seele heiligen – hat einmal in Sachen abgehackter Hand erklärt: «Was wollt ihr denn, o Leute, die abgehackte Hand ist schon im Paradies, da kommt es dann nur darauf an, daß der zu ihr gehörige Bursche ihr auch noch folgt!»

Auf einem Klassentreffen ich weiß nicht wieviele Dezenien nach dem Abitur am Quirinus-Gymnasium in Neuß am Rhein fragte mich ein inzwischen zum Rechtsprofessor aufgestiegener Klassenkamerad: «Sag mal, Erich (so hieß ich damals), was hältst du eigentlich von der Scharia?» – Meine Antwort hatte nur lauten können: «Wenn Scharia das Göttliche Gesetz ist, kann die Frage nicht sein, was ich von ihr halten möchte, sondern nur, ob ich bereit bin, mich an sie zu halten oder nicht.» Sofern eine Diskussion des Islam eine Diskussion des Göttlichen Gesetzes sein soll, erhielte die rhetorische Frage im Titel des Beitrages von Farish Ahmad Noor einen neuen Sinn und gutes Recht.

Islam aber ist nicht der Ort eines Spiels der Moden, Stimmungen, Launen. Islam fordert einen dem Zeitgeist völlig zuwiderlaufenden Ernst, einen heiligen Ernst der eigenen Existenz auf diesem Planeten gegenüber. Und gerade wenn es wahr ist, daß die Welt heute von geistesgestörten Wichsern regiert, besessen und bestimmt wird, können wir schwachen Muslime und alle Menschen guten Willens Hoffnung schöpfen: Denn noch nie war es so leicht, zu den Guten gezählt zu werden, wie jetzt. Wir geben uns nur ein kleines bißchen Mühe, und schwups gehören wir zu den Guten.

Richtig verstandener Islam ist voller Barmherzigkeit und himmlisch verbürgte Grundlage umwerfendem Glück im Diesseits und im Jenseits. Wer sich selbst als das erkennt, wozu er erschaffen wurde, als Diener des Höchsten und dessen Khalif auf Erden, der erkennt seinen Herrn. Wer versucht, Ihm gemäß geschöpflicher Bestimmung zu dienen, findet Schutz und Sicherheit, Glück und unbeschreibliche Geschenke aus uferlosen Meeren göttlichen Erbarmens, und er findet es im Diesseits und im Jenseits. Wer dem Weg des Siegels der Propheten folgt – Segen und Friede auf ihm und seinen Leuten -, des in der Göttlichen Gegenwart Meistgeliebten, Meistgeehrten, Meistgesegneten, steht eben schon im Diesseits unter höchstem Schutz. Jedes ihn umgebende Wesen, ja jedes Atom, das ihn umgib, erhält den Befehl des Herrn der Welten: «Achte auf diesen, schütze ihn, segne ihn, denn er ist einer Meiner Diener!» Wer aber seinem Ego und der Welt folgt, findet schon in dieser Welt kein ruhiges Plätzchen, er wird überall befeindet und von jedem Hund gebissen.

So bitten wir jetzt zur Zeit des Heiligen Ramadan unseren Herrn: «O Allâh, Du hast uns in die Existenz gebracht und erhältst uns darin, liebst uns und siehst nach uns. Du hast Deinen Propheten der Barmherzigkeit – der Friede auf ihm – sagen lassen “Die Menschen schlafen, wenn sie sterben, erwachen sie.” – Wir bitten Dich, laß uns schon vorher aufwachen und die Schöpfung und unsere eigene Bestimmung erkennen und unser Glück darin suchen, Deine Diener zu sein!»

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