»Dramatisch verschärft« - Sicherheitsbehörden in der Sinnkrise

22.06.2007 von Salim Spohr

Die Bundesregierung geht von einer erhöhten Gefahr durch Selbstmordanschläge nun auch in Deutschland aus, spricht von einer “Stimmung wie vor dem 11. September” und warnt vor einer dramatisch verschärften Sicherheitslage.

Tatsächlich scheinen diese wöchentlich vom Innenministerium ohne erkennbar realistischen Grund herausgebrachten Warnungen ein Zeichen dafür zu sein, daß mit der Behörde etwas nicht stimmt. Es ist völlig klar, daß die Sicherheitsbehörden sich sorgen müssen. Da wird so viel Geld für sie und ihre Terroristenabwehr ausgegeben, werden so viele Leute eingestellt, Razzien und Haus- und Moscheedurchsuchungen durchgeführt – doch nirgends findet sich ein Terrorist! Die scheint es in Deutschland nicht zu geben. Das ist wirklich ein Problem, mehr noch, eine große Gefahr für die Sicherheitsdienste. Denn deren Mannen geraten mehr und mehr in eine vitale Sinnkrise. Und so eine – wozu sollten sie auch gut sein, wenn das, wonach sie so fieberhaft suchen, vielleicht gar nicht existiert? – kann bös enden, beispielsweise beim Psychiater oder in der Heilanstalt.

Oder aber sie führt zu einer Neubesinnung und Überprüfung all des bislang für wahr Gehaltenen. Unter Umständen wird so ein Beamter dann noch religiös, vielleicht erkennt er ja die Schönheit und Weisheit jener nach amerkanischem Vorbild so maßlos diffamierten Religion, in der man fünf mal am Tage betet. So ein sinnkrisengeschüttelter Polizeispitzel könnte eines Tages auch noch die Shahada sprechen.

Um solchen Gefahren entgegenzutreten, ist der Innenminister schon aus Gründen des Selbstschutzes und des Erhaltes der Gesundheit der ihm Anbefohlenen gehalten, in allwöchentlichen Ritualen eine je erneute “Verschärfung der Sicherheitslage” zu beschwören. Und zwar gerade dann, wenn weit und breit und bis zum Horizont geblickt, sich nirgendwo auch nur ein Staubwölkchen regt, das als terroristisches gedeutet werden könnte.

In den letzten Jahren hat man in Deutschland, da man keine bösen teroristischen Muslime finden konnte, immer wieder einmal und sicher auch in Bewältigungung innerbehördlicher Sinnkrisen bekannterweise braven Muslimen eins auf den Kopf gegeben und – ich denke da an wirklich unsinnige Durchsuchungen von Moscheen oder jenen rüden Einbruch in die Osmanische Herberge in Kall-Sötenich – und einen Riesenwirbel veranstaltet, sicher auch mit Blick auf die, die die Gelder zu einer Vergrößerung des Sicherheitsdienstes bewilligt hatten oder noch bewilligen sollten. Die müssen ja auch davon überzeugt werden, daß die Gelder gut ausgegeben wurden bzw. werden würden. Ich bin sicher, daß den Behörden im Falle der Osmanischen Herberge jedenfalls klar bekannt war, daß sie dort keine Bomben finden würden, hatte doch das phantastische Gestammel eines allseits bekannt klinisch Verrückten den Vorwand für das Theater geliefert. Es liegt in der Konsequenz solch pr-bewußter, tatsächlich eindeutig selbst krimineller Akte, daß die Sicherheitsbeamten die Bomben, nach denen sie zu suchen vorgaben, in Zukunft gleich selbst mitbringen. Das hat doch was.

In einem nächsten Schritt könnte man es dann so machen wie die Briten, wie der Mossad und die C.I.A., nämlich eigene Leute dazu abstellen, alsTerroristen verkleidet, mal hier und da ein richtiges Bömbchen zu werfen. Und natürlich würde so etwas dann aus Staatsräson geschehe, diente es doch bloß einem höheren Zweck.

Liebe Leute, wacht doch auf! – Es darf nicht zugelassen werden, daß ein Bundesinnenminister aufgrund vagester Informationen, beispielsweise über zwei in Pakistan verhaftete Deutsche – gerade weil sie verhaftet wurden, können sie ja keine Gefahr mehr bedeuten -, in so dramatischer Weise die Sicherheitslage für verschärft erklärt. Ein paar Kommentare auf der F.A.Z.-Net-Seite haben das deutlich durchschaut. So sagt ein Karl-Heinz Lieblich unter dem Titel Jetzt wird´s langsam lächerlich …: “Es ist ja beinahe schon krankhaft, permanent – ohne dass auch nur ansatzweise ein Grund erkennbar wäre – die Bevölkerung zu verunsichern.” Andere sprechen von “Lächerlicher Argumentation und Begründung”, einer “Lachnummer”, “Frechheit, der Bevölkerung schon wieder einen Bären aufzubinden”, “Hoch lebe die Propaganda”, “Billiger Stimmungsmache” und einer fragt:“Kann man jemandem vertrauen, der fortwährend Märchen erzählt?”. Vgl. hier.

Es wurde in George Orwells phantastischem Roman 1984 eindrücklich vorgeführt, was geschieht, wenn Ordnungskräfte die Macht ergreifen. 23 Jahre nach diesem berühmt gewordenen Datum muß in Deutschland ein auch bei gutwilligster Betrachtung zumindest in seiner Urteilskraft dramatisch geschwächter Innenminister in jedem Fall als ein nicht tragbares Sicherheitsrisiko erkannt werden.

Kommentare

  1. Salim SpohrJune 23, 2007 @ 10:37 AM
    Beckstein hält Terrorwarnung für überzogen

    Ihm erscheine die Zuspitzung der Terrorwarnung durch den Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning, "aus bayerischer Sicht eher etwas überzogen", sagte Günther Beckstein der "Passauer Neuen Presse". Es gebe keine konkreten Hinweise auf besondere Anschlagsziele, etwa konkrete Orte oder bestimmte Verkehrsmittel. - Da kann man sagen: Na endlich einer mit etwas mehr Augenmaß.
  2. mohmediaJune 23, 2007 @ 02:43 PM
    was soll diese unleserliche "zierde" mitten im text? mir graust es vor den freundlichen muslimen, die immer gleich indie luft gehen!! mohmedia
  3. Salim SpohrJune 23, 2007 @ 03:01 PM
    Was meinst du mit "Zierde"? - Vielleicht die Basmala? - Das ist arabisch und lautet: "bismillâhi r-rahmâni r-rahîm", es bedeutet: "Beim Namen Gottes des Gnädigen, des Erbarmers", eine Formel mit der ein Muslim eine Ansprache oder einen Text beginnt. Es ist kein Grund, sich zu grausen.
  4. Will FriedJune 24, 2007 @ 10:29 AM
    Es lohnt sich mal sämtliche Kommentare auf der F.A.Z.-Net-Seite durchzulesen. Ich bin schon sehr überrascht zu sehen, dass 90 Prozent der Beiträge von gesundem Menschenverstand zeugen. Das hätte ich so jetzt nicht erwartet. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung für Deutschland? So wie es jetzt jedenfalls läuft, läuft es unweigerlich in die Irre. Etwas Großes Gewaltiges wird global inszeniert und dieses Kind braucht dafür einen Namen. Und dieses "Kind" heißt "Kampf-gegen-den-internationalen-Terrorismus". Damit lässt sich so ziemlich alles legitimieren. Haben wir denn hier in Deutschland nicht ganz andere Probleme als uns mit irgendwelchen selbstgeschaffenen Schein- und Hirngespenstern einzuspinnen. Auch die haben einen Namen bekommen:"Islamisten".
  5. oeren onezJune 29, 2007 @ 09:59 AM
    Nun, davon auszugehen, dass es keine teroristen in Deutschland gibt, nur weil sie gerade nicht irgendwas in die Luft gesprengt haben, halte ich für mindestens genauso naiv, wie die zu Recht kritisierten abstrusen Ansichten unseres Innenministers. Allerdings hast du Recht, dass die Unrechtsvermutung in gefahr ist, bei so mancher Äußerung und das dies meiner Meinung nach eine höhere Gefahr darstellt, als die "Schläferzellen" von denen niemand weiß, ob sie existieren. Allerdings ist nichts dagegen einzuwenden, auf der Hut zu sein, im verfassungskonformen Rahmen, denn auch vor 9/11 hat man die Hamburger nicht nicht gesehen. Da sist das perfide am Terrorismus, den ich wahrlich nicht auf fundamental islamistische ideologie beschränken würde. Die RAF ist zumindest in Deutschland jawohl ein gutes Beispiel, dass jede Ideologie zu Gewalt führen kann. Dass in Deutschalnd immer nur vor der Islamistischen Gefahr gewarnt wird, liegt zum Teil an der Weltlage, aber doch zum großeren teil an der Phobie anderen Kulturen gegenüber, vor allem, wenn man sie nicht versteht.